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Kategorie: Nachrichten
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Die Husumer waren zum ersten mal in diesem Jahrtausend bei uns zu Gast. Neben unserem Debut in Rendsburg in der letzten Runde gibt es immer wieder und immer noch etwas Neues. Kurz vor 10 Uhr sind (fast) alle Spieler da, es ist angerichtet. Aber ach... Die Partieformulare haben es vorgezogen, der Veranstaltung fern zu bleiben. 10 Uhr 10: Unser Mannschaftsführer hat die Abtrünnigen mit sanftem Druck überreden können, sich doch einzufinden. Die Husumer protestieren nicht, weder offiziell noch mit irgend einer Geste oder einem Kommentar. Das mag üblich sein, ganz selbstverständlich ist es nicht; und so gibt es an dieser Stelle einen herzlichen Dank für so viel Fairness und Freundlichkeit.

Beide Mannschaften gehören mittlerweile dem oberen Ende des Mittelfelds an; weder mit Auf- noch mit Abstieg hat diese Begegnung etwas zu tun. Sehr erfreulich, dass beide Mannschaften in Bestbesetzung spielen. Wir haben im Schnitt etwa 50 DWZ-Punkte mehr, sind vielleicht leichter Favorit; aber was heißt das schon?

Cliff hatte sich als schwarzer mit Birger Boyens auseinander zu setzen. Ich erinnere mich noch an dessen Partie gegen Jochen vor einigen Jahren in Husum. Das ist sehr schönes, klassisch aktives Schach. So auch hier: nahezu jeder aktiv mögliche Zug wird ausgeführt. Cliff steht okay, mehr aber auch nicht. Frank hat recht früh gegen Stefan Hecker (den Gag mit dem Handball-Torwart gleichen Namens hatte ich leider schon verbraucht) etwas mehr Luft, und seinem Gegner einen Doppelbauer im Zentrum verpasst. Entscheidend war das nicht, aber es war auch nicht nichts.

Wolfgang spielte so früh als möglich aktiv mit schwarz gegen Dr. Holger Ohst, dem einzigen 2000er auf Husumer Seite. Der blieb aber völlig gelassen, und entwickelte sich langsam, aber nachhaltig. Sören spielte gegen Thomas Lehr. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich bei einem Mannschaftskampf von einem Brett absolut nichts gesehen habe. Hier war das aber so. Ich vermute... nein, es wäre geraten.

Sven spielte mit schwarz gegen den Altmeister Klaus Seeck, dessen Schach-Kolumne in der sh:z ich immer noch nachtrauere. Manche lesen immer zuerst die Todesanzeigen, ich fing hinten an, und befasste mich mit der Schachspalte. Das sah hier nach einem Königsinder aus, Vierbauernangriff, in dem weiß allerdings mit dem e-Bauern auf d5 wieder nahm und nicht mit dem c-Bauern. Svens Stellung war okay, aber etwas passiv, und mit wenig Raum. Hauke und Tomas Renken hatten eine sehr angespannte Stellung. Hauke kam am Königsflügel, sein Gegner am Damenflügel. Die offene a-Linie sprach eher zugunsten des Husumers, fand ich.

Andreas baute sich gegen Alexander Walther ruhig und solide auf. Frühe Abtausche waren zu sehen, keine vollständige Verflachung, aber es ging schon etwas in die Richtung. Ich wollte heute nicht erneut remis spielen, und so fand ich die (für mich zumindest) Neuerung 1.g3. Guxtu. Mein Wiedersacher Uwe Jacobsen fiel aber nicht erschrocken vom Brett, sondern spielte einfach weiter. Bald hatten wir eine Theorie-Stellung; es hätte Grünfeld werden können, wurde aber etwas ganz anderes.

Das ging eine ganze Weile so, ohne dass sich wesentliches bewegte. Vielleicht sollte man mal darüber nachdenken, die Stunde zwischen 10:20 h und 11:20 h in der Verbandsliga zu überspringen. Dann überraschte Frank seinen Gegner (mich auf jeden Fall auch) mit einem Figurenopfer, was den in tiefes Nachdenken versetzte. Ich kalkulierte grob, dass das durchschlagen würde, wurde aber erneut überrascht, als der Husumer ein Gegenopfer brachte, welches das Spiel in eine ganze andere Richtung zog. Kein Hurra-Sieg von Frank mehr drin, aber er hatte nun die bessere Stellung, plus Mehrbauer, plus Bauernschwäche beim Gegner, der aber sehr zäh den Laden zusammen hielt. Hauke bot remis an, weil so recht nicht erkennbar war, wie er seinen notwendigen Königsangriff entscheidend verstärken könne. Tomas Renken lehnte ab. Irgend wann hier oder im folgenden wurde an Sörens Brett remis vereinbart: 0,5 : 0,5 (es kann aber auch das 1:3 oder 1:2 gewesen sein).

Auch an Andreas Brett gab es einen Friedensschluss. Da war wirklich nichts los. Alle Figuren bis auf die Türme waren vom Brett verschwunden, keinerlei Schwächen oder Durchbruchsmöglichkeiten hüben und drüben: 1:1. Sven bekam leider keine Aktivität in sein Spiel, und Klaus Seeck verstärkte seinen Druck am Königsflügel Zug um Zug. Bald stand ein gedeckter und unvertreibbarer weißer Läufer tief in Svens Stellung. Etwas später war die Partie vorbei, und Husum ging in Führung. Schade für Sven, aber Hut ab vor dem energischen Spiel seines Gegners. Sehr stark gespielt. 1:2

All zu viel bekam ich dann nicht mehr mit, weil ich an meinem Brett gefühlt die ganze Zeit am Zug war. Ich täuschte zum Zwecke des Zeitgewinns eine Zugwiederholung an, mein Gegner wich sofort ab, wollte also auch gewinnen. Ich hatte etwas Vorteil, aber das war nicht einfach umzusetzen. Mein Freund Fritz der 15te fand unser Spiel im Nachhinein ganz gut, jedenfalls haben wir nur sehr wenige Fehler eingestreut. Bald waren auch die Zeitreserven meines Gegners stark geschrumpft, und es wurde richtig spannend. Aus der Ferne bekam ich das remis an Brett eins mit. In der Stellung, die ich dann sah (es kann aber auch Retro-Analyse gewesen sein) hatte Cliff einen Turm mehr, aber sein Gegner konnte Dauerschach geben. Auch hier eine starke Leistung des Husumers. 1,5 : 2,5.

Ich hatte dann einen Bauern im Zentrum mehr, und die Kontrolle über dasselbe. In wenigen Zügen kippte das ins exakte Gegenteil, weil ich einen Läuferspieß übersehen hatte. Und schon war die Stellung ausgeglichen, und ich musste acht geben, dass ich das Leichtgewicht überhaupt halten konnte, denn meine Stellung am Königsflügel war mehr als luftig. Mittlerweile fanden sich mehr und mehr Zuschauer bei uns ein. Meine Frage nach dem Zwischenstand wurde wie folgt beantwortet: 3,5 : 3,5. Pühhh. Frank hatte seinen Gegner überspielt (Applaus, gute Leistung!), ebenso Dr. Ohst Wolfgang (in sehr überzeugender Weise, wie man mir berichtete). Und Hauke? Hatte auch gewonnen... irgend wann ging irgend etwas am Königsflügel. Fein.

Wir waren noch nicht bei der Zeitkontrolle, alle anderen fertig, und bei uns brannte es. Erneut wechselte das Schlachtenglück. Ich stand erneut auf Gewinn, nach einem fast unscheinbaren Fehler meines Gegners. Die Fritz-Züge bis zum Sieg hätte ich aber in einer Stunde nicht gefunden, und lebte schon eine Weile mit dem 30-Sekunden Inkrement. Das fühlt sich richtig gemütlich an, obwohl mein Gegner sehr erfinderisch vorging. Dieses Gehetze hat ein Ende, wo man teilweise 2 Sekunden pro Zug hat, und das eine halbe Spalte auf dem Formular durchziehen muss. Wie viel Zeit habe ich jetzt noch? Die Uhr zeigt 0.03, upps! Kurz danach 0.32, puhhh. Zeitkontrolle, geschafft. Ich habe zwei Bauern am Damenflügel mehr, mein Gegner steht sehr aktiv, und ich muss höllisch aufpassen; jeder Fehler wäre jetzt sofort tödlich. Zum Glück finde ich den besten Zug, der die Initiative des Husumers ablöscht auf Kosten der beiden Mehrbauern. Mein remis-Angebot wird angenommen. 4 : 4

Das war heute ein richtig guter Mannschaftskampf. Die ganze Zeit über war es ein Ringen auf Augenhöhe, und wurde hart, aber sportlich fair ausgetragen. Für die Husumer war heute bei einem Zwischenstand von 3:1 zu ihren Gunsten vielleicht etwas mehr drin, aber wir haben uns den Mannschaftspunkt verdient. Wir sind am oberen Ende des Mittelfelds in der Verbandsliga A sehr gut aufgehoben, und heute hat man gespürt, warum wir alle Schach spielen: weil es so viel Spaß machen kann. Und zwar sehr viel, wenn der Gegner wie heute das genau so sieht.